Kleingartenkolonie Am Hohenzollernkanal e.V.

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Verfasst am 06.08.2021 um 09:00 Uhr

Inspirierender Spaziergang durch ein grünes Stück Berlin    

Freilicht-Ausstellung in Charlottenburg lädt zur aktiven Auseinandersetzung mit der Natur ein      

"Suchen Sie sich am Wegesrand eine Pflanze aus! Zeichnen Sie sie! Nehmen Sie die Zeichnung und vergraben Sie sie in der Erde!"


Löst diese Aufforderung Kopfschütteln bei Ihnen aus? In diesem Fall sollten Sie einen Besuch der Freilicht-Ausstellung (re)connecting.earth vielleicht erst recht in Erwägung ziehen. Noch bis Ende September sind die Arbeiten von 16 internationalen Künstlerinnen und Künstlern auf einem rund 600 m langen Weg durch drei Charlottenburger Kleingartenanlagen zu sehen.


Bernard Vienat, ein gegenwärtig in Berlin lebender Schweizer, hat die Ausstellung in drei Charlottenburger Kleingartenanlagen kuratiert. Foto: Elke Binas

Wobei „sehen“ nur ein Teil der Wahrheit ist: Denn die laminierten Blätter, Grafiken, Collagen, die, in luftige Rahmen gespannt, einen viel genutzten Durchgangsweg im Grünen säumen, sind Kunstwerk und Handlungsanleitung oder -aufforderung zugleich. Über die bloße Betrachtung hinausgehen und durch die Beschäftigung mit der Materie selbst zum Akteur werden – das ist Fluxus, zu dessen prominentesten Vertretern Marcel Duchamp oder Yoko Ono zählen. Nun ist die Fluxus-Bewegung auch im Kleingarten angekommen, denn vom Betrachter zum Handelnden zu werden, ist in Kunst und Natur gleichermaßen möglich.


Umweltprobleme werden immer abstrakter diskutiert

Kurator Bernard Vienat, ein gegenwärtig in Berlin lebender Schweizer, erzählt während der Ausstellungseröffnung am 12. Juni, dass ihm die Idee zu einer derartigen Ausstellung während der ersten Corona-Welle kam. Während seiner vielen Spaziergänge in dieser Zeit sei ihm erstmals wirklich aufgefallen, wie präsent doch die vielen Kleingartenanlagen überall in Berlin sind.


Als Philosoph, der der Genfer ebenfalls ist, machte er einen Kontrast ausfindig zwischen den jedermann zugänglichen grünen Oasen inmitten der Großstadt und einem Phänomen, mit dem er sich seit Langem gedanklich auseinandersetzt: Dass nämlich die öffentliche Diskussion über Umweltprobleme immer abstrakter wird und immer globaler, während zugleich vielen Menschen der direkte Kontakt mit der Natur zunehmend verlorenzugehen droht.


Re-Connecting Earth – Wieder die Verbindung zur Erde herstellen! Unter dieser „Zauberformel“ plante Vienat fortan eine Kunstaktion, die das Publikum mit einbezieht, und suchte dafür Mitstreiter. Neben dem Ansprechen befreundeter Künstlerinnen und Künstler aus vielen Orten der Welt ging es dem hoch aufgeschossenen schlanken Mann mit deutlich französischem Akzent auch darum, Kontakte ins Berliner Kleingartenwesen herzustellen.


Lange musste er nicht suchen, bis er mit Bärbel Rothhaar bekanntgemacht wurde. Sie ist selbst Künstlerin und Vorstandsmitglied im Kleingartenverein Habsburg Gaußstraße und zeigte schnell Interesse, die Anlage am Rand von Moabit zu einer Art „Galerie im Grünen“ zu machen. Seit sich der Verein vor ein paar Jahren auf die Fahnen geschrieben hat, ein Natur- und Erlebnisort für alle Anlieger zu werden, ist der Weg durch die Anlage, der Huttenkiez und Lise-Meitner-Straße verbindet, von Spaziergängern hoch frequentiert. Die Anwohner freuen sich an der Natur, den Erholungsmöglichkeiten und nicht zuletzt den Geschenken, die die Kleingärtner den Passanten immer wieder machen.


Alle drei Vereine ins Projekt einbezogen

Doch der „Schwarze Weg“ führt auch durch zwei weitere Kolonien: Gerickeshof und Habsburger Ufer. Sie sollten nicht ungefragt ins Projekt einbezogen werden. Rückblickend ist Bärbel Rothhaar glücklich darüber, wie selbstverständlich das Einverständnis von den Nachbarn kam und wie groß das Interesse an den Ausstellungsobjekten ist, die der Gast dank der Zusammenarbeit aller drei Vorstände nun vom Anfang bis zum Ende des Durchgangsweges betrachten und befolgen kann.


Zu den namhaftesten Künstlern der Ausstellung gehört Zheng Bo aus Hongkong. In feinen Linien hat er vorgemacht, wozu er auch den Betrachter auffordert: Er hat eine Pflanze gezeichnet. Um deren Rückführung in den Kreislauf der Natur werden sich die Mikroorganismen kümmern, die das vergrabene Papier binnen Monaten zersetzen. Ein anderes Blatt lädt ein, das Grün vor der eigenen Haustür mit der Kamera zu „sammeln“ und aus diesen Fotos eine Collage zusammenzustellen. Auch Krähenfüttern – jeden Tag! –, das Schreiben eines Dialogs zwischen Schnecke und Insekt oder das Erstellen einer Tauben-Choreografie gehören zu den Aufgaben, die die Künstler auf kunstvoll gestalteten Blättern im Großformat ihren Betrachtern stellen.


Noch bis zum 25. September besteht Gelegenheit zu diesem inspirierenden Spaziergang durch die Ausstellung in den drei Kleingartenanlagen. Außerdem hängen die Anleitungen in Plakatgröße in Kreuzberg. Geführte Walks durch diese Billboards werden nach einem ersten Durchgang im Juni noch einmal vom 6. bis 19. September angeboten. www.reconnecting.earth


Elke Binas, Redakteurin, 'Berliner Gartenfreund‘, August 2021, Seite 8/18